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Methoden der empirischen SozialforschungOrientierung und Interaktion mit Karten in Räumen

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Orientierung und Interaktion mit Karten in Räumen

Jeden Tag orientieren wir uns im Raum. Meist nicht bewusst, wir machen es einfach. Doch sobald wir an einem fremden Ort sind, z.B. im Urlaub oder in einem uns fremden Gebäude, nimmt Raumorientierung einen großen Teil unserer Aufmerksamkeit ein. Dabei stehen uns verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, z.B. Hinweisschilder, Karten oder Navigationssysteme. Letztere erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit, da sie uns die Positionierung auf der Karte und die Routenplanung abnehmen. Doch im Gebäudeinneren ist ihre Funktionalität aufgrund mangelnder GPS-Signale stark eingeschränkt. Alternative Lokalisierungsmethoden wie z.B. WLAN oder Funk sind momentan noch zu ungenau oder aufwändig in der Installation. Also warum nicht auf eine traditionelle Papierkarte zurückgreifen? Vieles spricht dafür: Sie ist uns vertraut, übersichtlich, funktioniert auch ohne Strom, man kann Notizen darauf machen, hat eine bleibende Erinnerung und wenn die Karte verlorengeht, kann sie kostengünstig ersetzt werden.

Gemeinsam mit dem Institut für Geodäsie und Geoinformationstechnik erforschen wir daher seit 2008, wie sich Fußgänger innerhalb von Gebäuden orientieren und mit Hilfe von klassischen Papierkarten navigieren.

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Ziele

Die Studie ist interdisziplinär angelegt und verfolgt ein doppeltes Ziel:

Aus der Perspektive der Geodäsie ist das Projekt interessant, weil es hilft, verschiedene Kartenvarianten zu evaluieren. Auf dieser Basis soll die Frage beantwortet werden, wie Karten gestaltet werden müssen, um den Nutzer optimal zu einem bestimmten Ort in einem Gebäude zu leiten.

Aus soziologischer Perspektive sind Karten ein Kommunikationsmittel, das dem Nutzer Informationen über den Raum vermittelt. Die empirische Erforschung unterschiedlicher kartographischer Methoden und ihrer Eignung für effiziente Innenraumnavigation ermöglicht es uns, ein tieferes Verständnis für den Prozess der Raumorientierung und die Gestaltung von Raum zu erlangen.

Daraus ergeben sich folgende Forschungsziele:

Entwicklung von optimal gestalteten Innenraumkarten, die den Nutzer entlang einer definierten Route durch das Gebäude leiten und dadurch bestimmte Wege oder Bereiche gezielt forcieren bzw. vermeiden

  • Abstimmung der Karten auf die Bedürfnisse des Nutzers (z.B. durch Einbindung von nutzerrelevanten Informationen wie gastronomischen oder kulturellen Angeboten)
  • Gewährleistung der räumlichen Vorstellbarkeit der Route, um dem Nutzer ein Gefühl der Vertrautheit und Unabhängigkeit zu geben und seine Erinnerung an und Assoziation mit dem Ort positiv zu beeinflussen

Konkret haben wir bisher folgende Aspekte variiert: Komplexität der Route, Darstellungsperspektive (2D versus 3D), Detaillierungsgrad sowie die Einbindung von Wegmarken und nutzerrelevanten Informationen.

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Datenbasis und Methode

Seit 2009 führen wir jedes Jahr im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften (LNDW) ein sozialwissenschaftliches Experiment durch. Dabei handelt es sich um Versuchsanordnungen, bei denen Kausalbeziehungen eindeutig identifiziert werden sollen. Wir wenden hierzu einen Methoden-Mix aus standardisierter Befragung und wissenschaftlicher Beobachtung bzw. fokussierter Ethnographie an. Mit Hilfe der standardisierten Befragung ermitteln wir soziodemographische Daten, Vorerfahrungen sowie eine ausführliche Bewertung der Karten. Die fokussierte Ethnographie dient zur soziologischen Analyse des Raumorientierungsprozesses. 2011 ist es uns gelungen, 1.140 Teilnehmer für das Experiment zu gewinnen.

Während der Langen Nacht der Wissenschaften sprechen Mitarbeiter des soziologischen Teams im Eingangsbereich des Hauptgebäudes der TU Berlin gezielt Besucher an. Wer bereit ist, mitzumachen, nimmt an einer Vorab-Befragung teil. Der Fragebogen enthält Fragen zur Orientierung im Alltag und zur Vorerfahrung mit Karten. Nach dem Ausfüllen des Fragebogens begibt sich der Versuchsteilnehmer zum Startpunkt. Dort bekommt er eine Startnummer und eine Karte ausgehändigt, und die Startzeit wird gemessen. Jeweils zwei Teilnehmer bzw. Gruppen starten gleichzeitig und gehen auf zwei unterschiedlichen Routen um die Wette zum Ziel. Auf der Route beobachten Mitarbeiter, wie sich zufällig ausgewählte Personen mit der jeweiligen Karte orientieren. Beide Routen enden am Geodätenstand. Dort wird die Endzeit gemessen und eine Nachherbefragung durchgeführt, um die Erfahrungen mit der Strecke und der Karte zu erfassen.

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Laufzeit

  • 2008: Vorbereitungsphase
  • Seit 2009 jährliche Erhebungswelle auf der LNDW

Ansprechpartnerin

Cornelia Thierbach

Technische Universität Berlin
Institut für Soziologie

Fraunhoferstraße 33-36
Sekretariatszeichen FH 9-1
10587 Berlin


Tel.: +49 (0)30 / 314 - 28495
Raum: FH 812

Publikationen

Lorenz, Alexandra / Thierbach, Cornelia / Baur, Nina. und Kolbe, Thomas, H. (2013). Map Design Aspects, route complexity, or Social Background? Factors Influencing User Satisfaction with Indoor Navigation Maps. In: CaGis 40 (3). 201-209.

Lorenz, Alexandra / Thierbach, Cornelia / Baur, Nina und Kolbe, Thomas, H. (2013). App-Free Zone: Paper Maps as Alternative to Electronic Indoor Navigation Aids and Their Empirical Evaluation with Large User Bases. In: Progress in Location-based Services, 319-338.

Lorenz, Alexandra; Thierbach, Cornelia (2012): Bewusst wo? Gewusst wie! Entwicklung innovativer kartographischer Methoden zur effektiven Navigation in Innenräumen. In: Sven Weisbrich und Robert Kaden (Hg.): Entwicklerforum Geodäsie und Geoinformationstechnik 2011 – Junge Wissenschaftler forschen. Aachen: Shaker Verlag, S. 89-100.

Thierbach, Cornelia (2011): Raumorientierung und Interaktion in Gebäuden. Diplomarbeit. Technische Universität Berlin, Berlin. Institut für Soziologie.

Lorenz, Alexandra; Thierbach, Cornelia; Kolbe, Thomas H.; Baur, Nina (2010): Untersuchung der Effizienz und Akzeptanz von 2D- und 3D-Kartenvarianten für die Innenraumnavigation. In: Gerald Kohlhofer und Michael Franzen (Hg.): Vorträge Dreiländertagung OVG, DGPF und SGPF - 30. Wissenschaftlich-Technische Jahrestagung der DGPF, Bd. 19. Wien: Deutsche Gesellschaft für Photogrammetrie, Fernerkundung und Geoinformation (DGPF), S. 342‐355.

Vorträge

Map Design Aspects, route complexity, or Social Background? Factors Influencing User Satisfaction with Indoor Navigation Maps. Vortrag auf der Session “Usability 1” auf der 26th International Cartographic Conference, 25.08. – 30.08.2013, Dresden (Deutschland).

App-Free Zone: Paper Maps as Alternative to Electronic Indoor Navigation Aids and Their Empirical Evaluation with Large User Bases. Vortrag auf der Session “Interactions, User Studies and Evaluations” auf dem 9th Symposium on Location Based Services 2012, 16.10 – 18.10.2012, München (Deutschland).

Mixing Survey and Focused Ethnography within a Social Experiment: the Case of Construction of Space. Vortrag auf der Session “Comparative Analysis of Qualitative and Quantitative Data” auf der “8th International Conference on Social Science Methodology”, 09.07 – 13.07.2012, Sydney (Australien).

A Research Design for Interdisciplinary Research. The Case of Collaboration between Sociology and Geodesy. Vortrag auf der Session “Exploring Collaboration and Partnerships in Social Research” auf der “8th International Conference on Social Science Methodology”, 09.07 – 13.07.2012, Sydney (Australien).Bewusst wo? Gewusst wie! Entwicklung innovativer kartographischer Methoden zur effektiven Navigation in Innenräumen. Vortrag auf der Session „Kartographie“ des „Entwicklerforums Geodäsie und Geoinformationstechnik“, 06.10. – 07.10.2011, Berlin (Deutschland).

Untersuchung der Effizienz und Akzeptanz von 2D- und 3D-Kartenvarianten für die Innenraumnavigation. Vortrag auf der Session „Geodäsie / Allgemein“ auf der „Dreiländertagung – 30. wissenschaftlich-technische Jahrestagung der DGPF (Deutsche Gesellschaft für Photogrammetrie, Fernerkundung und Geoinformation e.V.)“, 01.07 – 03.07.2010, Wien (Österreich).

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